Die Feldenkraismethode
Entwicklung des Menschen
Unsere Zeit in der Gebärmutter ist sehr beengt und begrenzt. Und trotzdem fangen wir schon bevor wir auf die Welt kommen an, uns zum Leidwesen unserer Mütter zu wenden, zu treten und zu boxen. Nach der Geburt brauchen wir ungefähr ein Jahr, um uns von alleine die Füße in den Mund zu stecken, uns umzudrehen, hochzustemmen, zu krabbeln, zu sitzen und zu stehen und schließlich zu laufen. Wenn man Babys bei diesen enormen Leistungen beobachtet – und das hat Moshe Feldenkrais lange und ausgiebig getan – fällt auf, mit wieviel Intelligenz sich die kleinen Wesen diese neuen Möglichkeiten erarbeiten. Er ist davon ausgegangen, dass wir diese große Intelligenz nach wie vor in uns tragen, auch wenn wir sie nicht vollständig nutzen.
Statik
Was hat die Schwerkraft mit alldem zu tun?
Leider prasseln schon bald Erziehung, Umwelt und Gesellschaft auf uns ein. Der Spaß hat ein Ende, wir müssen uns anpassen. Die Stühle im Kindergarten passen nicht, die Stufen sind zu hoch, man darf nicht mehr den Kiefer hängen lassen beim Hochgucken – „Mach den Mund zu, sonst fliegt ’ne Fliege rein!“
Später im Arbeitsleben sitzen wir auf ergonomischen Bürostühlen, die keine Bewegung zulassen und gucken den ganzen Tag auf den Bildschirm oder exekutieren andere eintönige Bewegungsabläufe.
Zum Ausgleich betreiben wir Sport, haben aber leider verlernt, wie man sich richtig bewegt und ziehen uns dabei Verletzungen zu.
Moshe Feldenkrais hatte ein analytisches Gehirn und er hat verstanden, dass sich unser Skelett – welches ohne Zweifel eine geniale Erfindung ist, um die Schwerkraft zu überwinden – am besten aufrecht halten lässt, wenn man die Gesetze der Statik versteht. Wie stehen Füße, Becken, Schulter und Kopf im Verhältnis um ein möglichst müheloses Stehen, Gehen, Sitzen und Liegen zu ermöglichen?
Und wie können wir diese Gesetzte nicht nur verstehen, sondern auch verinnerlichen?
Die Bewegungen im Feldenkrais werden mit einer Langsamkeit und Leichtigkeit ausgeführt, die es uns ermöglichen, sich auf das zu konzentrieren was wir tun, sodass einem nichts dabei entgeht. Jede noch so kleine Bewegung löst in einem gut organisierten Skelett eine dominohafte Bewegungskette aus. Kein Zeh kann sich rühren, ohne dass es einen Effekt auf Schultern und Kopf hat. Um dem Nervensystem die Möglichkeit zu geben, diese ungeheuren Informationen zu verarbeiten, gibt es lange Pausen zwischendurch.
Emotionen
Unser Vagusnerv ist nicht nur für verschiedene Organe und Gewebe sowie für den Verdauungstrakt zuständig, sondern auch für den Parasympatikus, für Entspannung und Ruhe. Wenn wir unter großem Stress stehen, stellt sich eine permanente Alarmierung des Sympatikus ein, der Fight or Flight Response (Kampf oder Flucht Reaktion). Wir kommen nicht mehr zur Ruhe, leiden unter noch mehr Stress, Schlaflosigkeit, Verspannungen, Unruhe und Gereiztheit, ein unheiliger Kreislauf, der scheinbar nicht mehr aufzuhalten ist.
Der Vagusnerv kann gezielt positiv angetriggert werden: einerseits durch das Zwerchfell und die Atmung, andererseits durch langsame und achtsame Bewegungen. Dadurch beruhigt sich das Nervensystem und fährt runter, sodass wir die Chance haben, aus diesem Kreislauf auszusteigen.
Stress kann sich unterschiedlich äussern. Wir geraten nicht nur emotional aus den Fugen, sondern bekommen auch gleichzeitig Probleme mit dem Gleichgewicht und der Balance. Wir fühlen den Boden nicht mehr unter den Füßen. Wir trauen unseren Urteilen und Gefühlen nicht mehr. Moshe Feldenkrais ging sogar soweit zu sagen, dass sich emotionale Probleme in Haltung und Bewegung äussern können. Diese wiederum zu ändern ist relativ leicht. Leichter jedenfalls, als ein tiefes Trauma durch jahrelange Therapie und Analyse aufzulösen. Feldenkrais nahm für sich nicht in Anspruch, die Traumata aufzulösen, wohl aber ihre Begleitumstände und Auswirkungen zu lindern.
Gehirn
Andersherum behauptete Feldenkrais auch, dass sich emotionale Probleme aus einer Limitation von Bewegung heraus ergeben können. Wenn beispielsweise seit früher Kindheit das Tanzen, Lachen, Klettern und Herumkreischen verboten wird, wie soll sich daraus ein lebenslustiger, offener Mensch entwickeln? Wo soll die Sicherheit für fließende Bewegungen herkommen, die Sicherheit, sagen zu können, wo man sich im Raum befindet.
Das was heute in der Neurowissenschaft als Plastizität des Gehirns (Beweglichkeit, Veränderbarkeit) anerkannt und bewiesen ist und durch Neurowissenschaftler wie Oliver Sacks und Psychoanalytiker wie Norman Doidge und mit wahnsinnig spannenden Fallbeispielen belegt wurde, konnte Moshe Feldenkrais damals in den 50ern nur mit einer lebenslangen Lernfähigkeit beschreiben.
Für viele Menschen, die abwinken und sagen, dafür seien sie zu alt, sollten das unerhört gute Nachrichten sein.
Das einzige, was man braucht, ist Neugierde!
